Der Tastsinn der Katzen

 

Ihr hervorragend ausgebildeter Tastsinn, der bei Katzen für die allgemeine Orientierung, bei der Jagd und auch für ihren Schutz von sehr großer Bedeutung ist, lässt sie außerordentlich gut spüren, fühlen und  natürlich tasten. Über den gesamten Körper der erwachsenen Fellnasen sind oberflächlich und auch tiefer in der Haut verschiedene Gruppen von unzähligen Sinnesrezeptoren angesiedelt. Diese reagieren auf unterschiedliche Reize, welche von feinen Nervenendigungen, die um jede Haarwurzel liegen, über das Rückenmark ins Gehirn geleitet und dort analysiert werden. Die Hauptgruppe der Hautrezeptoren setzten sich aus den vier Arten der Mechanorezeptoren zusammen, die man, je nach ihrer Funktion, in langsam oder schnell adaptierend (d. h. sich dem Reiz anpassend) einteilt. Zu letzteren zählen die Meissner-Körperchen, die auf eher langsame Vibrationen, leichte Berührungen und auf Änderungen von Oberflächenstrukturen  reagieren. Ähnliche Reaktionen zeigen die langsam adaptierenden Merkel-Zellen, die zusätzlich auf Druck und Zug ansprechen. Ruffini-Endigungen gehören ebenfalls zu den sich langsam anpassenden Mechanorezeptoren. Sie dienen vor allem mit zum Wahrnehmen von Hautdehnung. Die schnellste Adaption erfolgt durch die Vater-Pacino-Körperchen, die sich in den hoch sensiblen Pfotenballen und zwischen den Zehen befinden. Die äußerst druckempfindlichen Rezeptoren sind Vibrationsempfänger, die jede noch so schwache Erschütterung des Untergrundes feinfühlig wahrnehmen. Egal, ob es sich um die Schritte eines Menschen, das Trippeln einer Maus in ihren unterirdischen Gängen oder die fast unmerklichen Vorboten eines Erdbebens handelt - Katzen sind in der Lage, dies zu spüren. In den extrem berührungs- und druckempfindlichen Sohlenballen der Vorderpfoten sind zusätzliche  Sinneszellen eingebettet, die den Miezen bei der Jagd sehr dienlich sind, da sie von ihnen beim Ergreifen und Festhalten der Beute Informationen über deren Größe und Bewegungen erhalten sowie über die Position ihrer eigenen Krallen und Zehen. Die Sensibilität der Pfötchen lässt sich am offensichtlichsten bei tauben Katzen erkennen, denn sie hören im wahrsten Sinne des Wortes mit ihnen und nehmen auch die leisesten Geräusche darüber  wahr.

 

Eine weitere wichtige Gruppe von Sinnesrezeptoren  mit den unterschiedlichsten Adaptionsgeschwindigkeiten bilden die freien Nervenendigungen, die ebenfalls durch Berührung, Druck und Dehnung gereizt werden. Zu ihnen zählen auch die Nozizeptoren, die für das Schmerzempfinden zuständig sind sowie die Thermorezeptoren für das Fühlen von Temperatur und deren Veränderungen. Bei Katzen ist aufgrund ihrer Herkunft die Toleranzgrenze gegenüber Wärme deutlich höher als bei Kälte. Die Pfötchen sind von jeher auf Wüstenboden eingestellt und Temperaturen bis zu 52°C werden gelassen hingenommen. Die Wärmerezeptoren sind hier  langsam adaptierend und werden erst ab ca. 40 - 42°C gereizt, im Gegensatz zu denen sich im Mäulchen befindlichen, die viel früher und schneller reagieren. Auf Kälte hingegen sprechen die zuständigen Rezeptoren bereits ab 20 bis 25°C an.

 

Die größte Rolle bei ihrem hochentwickelten Tastsinn spielen neben den äußerst empfindsamen

Pfotenballen die Vibrissen der Katzen. Es handelt sich dabei um Tasthaare, die sich über den Augen, an Ober- und Unterlippe, Wangen und Kinn, sowie an der Hinterseite der Vorderpfötchen befinden. Dabei unterscheidet man die längeren, beweglichen Makrovibrissen und die die kürzeren, unbeweglichen Mikrovibrissen. Sie sind wesentlich dicker und steifer  als die Körperhaare und ihre Wurzeln ungefähr dreimal so tief in der Haut verankert. Durch spezielle Rezeptoren werden mechanische Reize wie Berührungen oder geringste Luftbewegungen, selbst kleine Luftverwirbelungen, die sich um Hindernisse bilden, wahrgenommen, über Nervenverbindungen an das Gehirn weitergeleitet und verarbeitet, um der Samtpfote wichtige Informationen zu liefern. So können sich Katzen durch das perfekte Zusammenspiel ihres Tast- und Gehörsinns selbst bei völliger Dunkelheit bestens orientieren und auch Beute machen. Beim Aufspüren werden sie dabei von den Tasthaaren an den Vorderbeinen unterstützt, da die Samtpfoten in der Lage sind, darüber geringste Bodenerschütterungen und Luftströmungen wahrzunehmen, die anzeigen, wo und wohin sich etwas bewegt. Dies alles ist jedoch nur möglich mit vollkommen intakten Vibrissen, sind diese beschädigt oder abgebrochen, haben sie für die Miezen keinen Nutzen. Sie dürfen daher auch nie abgeschnitten oder gekürzt werden. Keine Sorge, wenn ab und zu ein „Katzenfühler“ ausfällt, denn sie wachsen wieder nach.

 

Im empfindlichen Gesichtsbereich der Fellnasen befinden sich die meisten Vibrissen. Sie sind  auch für reine Stubentiger eine optimale Orientierungshilfe, da sie mithelfen, ein Raumgefühl in der Wohnung zu vermitteln. Zum Schutz vor Verletzung wird das reflexartige Schließen der Augen durch die Berührung der Tasthaare an der Stirn ausgelöst. Am längsten und auffälligsten sind die Schnurrhaare an der Schnauze, von denen die beiden oberen Reihen unabhängig von den unteren bewegt werden können. Nach außen und vorne abgespreizt, wird damit ein Tastsensorenbereich gebildet, der Auge, Nase und Schnäuzchen umfasst. Begrüßen sich zwei Miezen, richten sie ihre Schnurrhaare nach vorne, bis sie sich damit gegenseitig berühren. Außerdem geben die Vibrissen im Schnauzenbereich Aufschluss über die Stimmung der Samtpfoten und dienen so auch zur Kommunikation mit Artgenossen. Nach erfolgreicher Jagd legen sich die Schnurrhaare um das Beutetier, sobald die Katze es mit ihren Zähnen gefasst hat. Dies ist sowohl zum Erkennen der Konturen als auch für Tötungsbiss im Dunkeln von großer Bedeutung.

 

Die Länge der Schnurrbarthaare ist genetisch festgelegt und verändert sich nicht, wenn die Fellnase zu- oder abnimmt und sich dadurch ihre Körperbreite verändert. Darum ist es auch nicht in jedem Fall gewährleistet, dass die Mieze, unabhängig vom Sehsinn, erkennen kann, ob eine enge Stelle breit genug für sie ist, um problemlos hindurch schlüpfen zu können.

 

Bei den neugeborenen Kätzchen sind die Vibrissen zwar schon voll entwickelt, können jedoch noch nicht eingesetzt werden, da die dafür zuständigen Bereiche im Gehirn noch nicht vollständig ausgereift sind.

 

Wie oft angenommen, haben die Schnurrhaare nichts mit dem Schnurren der Katzen zu tun. Woher sie ihren Namen haben, ist nicht geklärt, vielleicht daher, weil sie aussehen wie ein Schnurrbart.